Hörspiele zum NSU-Prozess: Teil II – Auditive Dissonanzen im Gerichtssaal und in der Öffentlichkeit

In this second installment of the three-part blog post series on the NSU trial, guest columnist Monika Preuß analyzes the polyphonic structure of several radio plays and the resulting “Rashomon” effect created by the layering of diverse perspectives of the trial participants and the general public. 

You can read an English translation of this text here. The first installment of this series is available in English and German.

Die Ermittlungen und der Gerichtsprozess haben eine Vielzahl an Stimmen und Perspektiven zu Tage gefördert. Dabei hat insbesondere die Auseinandersetzung mit der Rolle des Verfassungsschutzes und der eingesetzten V-Männer, also Personen aus der rechten Szene, die dem Verfassungsschutz Informationen liefern sollten, eine breite gesellschaftliche „Sprach- und Fassungslosigkeit“ hervorgerufen. Dieses Spektrum von vielen Stimmen und somit anscheinender Informationsgewinnung, die aber eben nicht zur Aufklärung beitrugen, nähern sich mehrere Hörspiele künstlerisch.

Kathrin Rögglas Hörspiel „Verfahren. Der NSU-Prozess als gespenstische Groteske“ (2020) ist als „audiophone Gerichtsbeschwörung“ (01:36f.) konzipiert. Es spielt mit der Vorstellung von in der Mikrofonanlage des Gerichts verbliebener Stimmen der Prozessbeteiligten, wie z.B. RichterInnen, NebenklägerInnen, Anwälte und Anwältinnen, die aus dieser nicht mehr entkommen können (vgl. 05:33ff.). Hier werden die besonderen Möglichkeiten von Hörspielen genutzt, indem Stimmen sich überlagern und akustisch verzerrt werden. In Figuren, die dem Prozess als GerichtsbeobachterInnen und somit als Teile der Öffentlichkeit beigewohnt haben, „fließen“ (07:33) diese „Geisterstimmen“ (07:17f.) hinein. Sie sind somit gezwungen, die ihnen jeweils zugeordnete Perspektive, z.B. die des Richters, wiederzugeben. Teilweise sperren sich die Figuren dagegen und kommentieren dies entsprechend. Es entsteht somit eine unmittelbare polyphone Struktur, die die Aufmerksamkeit für die einzelnen Perspektiven und die gesellschaftlichen Diskurse stärkt.

Das frühe „Rashomon Hilti“ von Edgar Lipki (2014) ist experimentell und schreckt durch die Überlagerung der vielen Stimmen und der überspitzten, verdichteten Collage von Szenen des Zusammenlebens von Beate Zschäpe, Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos auf dem Campingplatz und der Morde und Überfälle am meisten auf. Phrasen wie „Baller sie weg“ (00:29ff.) oder „Volkskörper“ (00:41ff.) werden wiederholt und überlagert. Im starken Kontrast dazu werden die gesellschaftlichen Diskurse (z.B. „Man hat im Berufsleben nur einmal die Chance an so etwas teilzunehmen.“ (03:41ff.); „Stell dir Mal vor, dein Kind wird Nazi“ (03:58ff.) und die unbefriedigenden Zeugenaussagen von Polizei und Verfassungsschutz im Kontext des Prozesses teilweise als Stimmengewirr inszeniert. Dies verdeutlicht den „Rashomon-Effekt“. Dieser beschreibt die Spannungen, die erzeugt werden, wenn ein Ereignis von verschiedenen AkteurInnen vollkommen verschieden aufgenommen werden.

Das vierteilige Hörspiel „Das schweigende Mädchen“ (2015) ist eine Bearbeitung des gleichnamigen Theaterstückes von Elfriede Jelinek. Genutzt werden ebenfalls Prozessprotokolle und Medienberichte. Anleihen an der Bibel werden genutzt, um das Schweigen der Angeklagten und die wenig aufklärende Stimmenvielfalt der Zeugenaussagen und Medienberichte hervorzuheben. 

Hörspiele, Texte und Materialien

Jelinek, Elfriede: Das schweigende Mädchen. Bayerischer Rundfunk 2015.

Jelinek, Elfriede: Das schweigende Mädchen. Ulrike Maria Stuart. Zwei Theaterstücke. Reinbek bei Hamburg 2015.

Lipki, Edgar: Rashomon Hilti. Westdeutscher Rundfunk 2014. Abrufbar unter: https://soundcloud.com/fs-kollektiv/rashomon-hilti

Röggla, Kathrin: Verfahren. Der NSU Prozess als gespenstische Groteske. Westdeutscher Rundfunk/ Bayerischer Rundfunk 2020. Abrufbar unter: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-hoerspiel/audio-verfahren—der-nsu-prozess-als-gespenstische-groteske-100.html

SchauspielDo Archiv Voges: Trailer Das schweigende Mädchen Schauspiel Dortmund. 19.01.2016. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=wh6XTZVvO7g

Zur Regie der Produktion “Das schweigende Mädchen” von Elfriede Jelinek – Mit Leonhard Koppelmann. Bayerischer Rundfunk 2015. Abrufbar unter: https://www.br.de/mediathek/podcast/artmix-galerie/zur-regie-der-produktion-das-schweigende-maedchen-von-elfriede-jelinek-mit-leonhard-koppelmann/31715

About Qingyang Freya Zhou

Qingyang Zhou (Freya) is a PhD candidate in German Studies at UC Berkeley. She researches on the intersections of German-Asian cultures, particularly as they pertain to the cinematic entanglements among Germany, China, and Korea.
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