Polyphone Auseinandersetzungen mit kulturellen Bildern, Vorurteilen und Rassismus im Hörspiel “Bitmemiş – not finished yet” (2019) von Ralf Haarmann und Tuğsal Moğul

Picture Source: Westdeutscher Rundfunk

Guest contributor Monika Preuß (Technische Universität Dortmund), author of the MGP blog post series on German radio plays, analyzes the portrayal of lived experiences of Turkish German immigrants across generations in Ralf Haarmann’s recent radio play, Bitmemiş – not finished yet (2019).

Das Hörspiel Bitmemiş – not finished yet des Komponisten und Hörspielregisseurs Ralf Haarmann enthält Auszüge aus dem Theaterstück Die deutsche Ayşe (2013) von Tuğsal Moğul. Dieser ist 1969 in Neubeckum geboren.1 In Bitmemiş – not finished yet nehmen Enkelinnen der Gastarbeitergeneration ihre Identitätsentwicklung und fremde Zuschreibungen aufs Korn. Die drei jungen Frauen Melek, Deniz und Aslı werden dabei als Arrangeure des Hörspiels inszeniert. Sie lassen die Generation ihrer Großeltern, die im Rahmen des Anwerbeabkommens 1961 nach Deutschland gekommen sind, in Erinnerungsräumen zu Wort kommen. 

Zentrales Gestaltungsmittel des Hörspiels sind eine Vielzahl an polyphonen Strukturen. Diese werden durch die dem Hörspiel inhärenten Möglichkeiten, wie Überlagerungen, Schnitte, Musik und Hintergrundgeräusche, besonders hervorgehoben. Die jungen Frauen geben selbst die Vorurteile, denen sie manchmal ausgesetzt sind, wieder. Beispielsweise wird Aslı damit konfrontiert, dass eine Finanzamtsmitarbeiterin ihr nicht zutraut, das Gespräch auf Deutsch zu führen (vgl. 09:00ff.). So entsteht eine Spannung im Sinne der Dialogizität zwischen verschiedenen Sprechweisen nach Michail M. Bachtin (vgl. Bachtin 1979, 195). Diese Polyphonie ermöglicht die Auseinandersetzung mit den Zuschreibungen und eine persönliche Entkräftigung. Die Lebensverläufe der Großelterngeneration werden von der Enkelinnengeneration vorgelesen (vgl. z.B. 40:38ff.) und so einer individuellen Auseinandersetzung der jungen Generation mit der Familiengeschichte zugänglich. Auch der Kommentar von Helmut Schmidt im Hamburger Abendblatt, dass es ein Fehler gewesen sei, “dass wir zu Beginn der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten” (06:44ff.) wird von den Frauen vorgelesen. 

Ausgangspunkt der persönlichen Auseinandersetzung der Enkelinnen mit Herkunft und Rassismus sind die Perspektiven der Großmütter. In Rückblenden werden die Erfahrungen türkischer Gastarbeiter, aber insbesondere auch von Gastarbeiterinnen in Deutschland seit den 1960er Jahren eingespielt. Eine irritierende Erfahrung ist die medizinische Pflichtuntersuchung, die sich durch die Reduktion der Frauen auf ihre Arbeitskraft auszeichnet: „Hier sind drei Bewerberinnen. Sie heißen…“ „Sie heißen alle Ayşe. Für Arbeitskräfte reicht das.“ (40:27ff.)

Die persönlichen Beweggründe und die Gestaltungsfähigkeiten der Figuren auch unter widrigen Umständen stehen im Vordergrund der Gespräche. Die drei Figuren mit dem Namen Ayşe sprechen mit Akzent. Ein Unterscheidungsmerkmal, dass zu Vorurteilen und Rassismus führen kann, wird so performativ wiederholt und dadurch aufgedeckt. Die komplexe Figurengestaltung unterläuft somit die Grundlage für Stereotypisierung. Dieses Spannungsverhältnis wird auch in der Wahl der Namen weitergeführt. „Ayşe“ erscheint zunächst als stereotype Schablone für eine türkische Gastarbeiterin, es verbergen sich jedoch individuelle Perspektiven dahinter. 

Die vielfältigen Zeichenebenen im Hörspiel und den damit einhergehenden Techniken, die teils dem Film ähneln, wie beispielsweise „Stille, Blende, Schnitt, Mischung“ (Huwiler 2005, S. 57) zeichnen sich durch das Fehlen der visuellen Ebene aus. Einerseits wird somit die Ebene, an der häufig Unterscheidungsmerkmale festgemacht werden, die dann zu Vorurteilen und Rassismus führen (vgl. z.B. Memmi 1992, S. 37). Andererseits wird die akustische Ebene hervorgehoben. Die Sprache und insbesondere die Reaktionen auf das Fehlen eines offenbar aufgrund des Namens oder des Aussehens erwarteten Akzentes stehen somit im Vordergrund (vgl. z.B. 11:35ff.). 

Immer wieder werden Selbst- und Fremdzuschreibungen eingebracht und reflektiert: “Ich war immer Papas Business Tochter.“ “Ich war immer die Schlaue.“ “Ich war immer die Verständnisvolle.“ “Die Wirtschaftlerin.“ “Die Ruhige.“ “Die Rebellische.“ “Die Knallharte.“ “Die Kontrollierte.“ “Die Aufrechte.“ (48:47ff.) Dabei wird das individuelle Recht auf Gestaltung der eigenen Identität zwar vertreten, aber auch die sozialen und gesellschaftlichen Einflüsse als wesentliche Faktoren anerkannt. 

Der reflektierende Duktus des Hörspiels wird auch stark durch die Selbstthematisierung des Mediums erzeugt. Hörspiele beziehen sich seit ihrem Entstehen in den 1920er Jahren, welches durch die Erfindung des Rundfunks ermöglicht wurde, immer wieder auch auf sich selbst. In zahlreichen Hörspielen werden die Möglichkeiten bzw. die Grenzen der Produktion und der Rezeption thematisiert und reflektiert (vgl. Stuck 2015, S. 215ff.).  In Bitmemiş – not finished yet werden immer wieder das Einspielen von Musik oder technische Veränderungen von Stimmen mittels Hintergrundgeräusche durch die Sprecherinnen benannt (vgl. z.B. 25:58ff.).

Insgesamt wird somit in Bitmemiş – not finished yet das Potential von Hörspielen deutlich, Bilder von Kulturen, sowie die individuelle Auseinandersetzung mit Familiengeschichte, Selbstbestimmung und Zuschreibungen durch polyphone Gestaltung hörbach zu machen. 

Notize

  1. Der Schauspieler, Regisseur und Arzt ist zudem Autor von Theaterstücken. Sein Schauspiel Auch Deutsche unter den Opfern über die Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) ist ebenfalls als Hörspiel bearbeitet worden (vgl. Beitrag vom 26.04.2021  https://mgp.berkeley.edu/2021/04/26/nsu-trial-part-iii-deutsch/).

Hörspiel

Haarmann, Ralf/ Moğul, Tuğsal: Bitmemiş – not finished yet. Mit Zitaten aus “Die deutsche Ayşe” von Tuğsal Moğul. Westdeutscher Rundfunk 2019. Downloadbar unter: https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-hoerspiel/tuerkei-dritte-generation-100.html. Verfügbar bis 24.10.2022.

Sekundärliteratur

  1. Bachtin, Michail M: Die Ästhetik des Wortes. Frankfurt am Main 1979.
  2. Huwiler, Elke: Erzähl-Ströme im Hörspiel. Zur Narratologie der elektroakustischen Kunst. Paderborn 2005.
  3. Memmi, Albert: Rassismus, Frankfurt am Main 1992.
  4. Stuck, Elisabeth: “Literaturwissenschaft und Hörästhetik. Mediengeschichtliche Veränderungen in selbstreferenziellen Hörspielen.” In: Antonsen, Jan Erik (Hrsg.): Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft? Festschrift für Stefan Bodo Würffel zum 65. Geburtstag. Paderborn/ München 2009, S. 211-217.

About Qingyang Freya Zhou

Qingyang Freya Zhou is a PhD candidate in German Studies at UC Berkeley. She researches on the intersections of German-Asian cultures, particularly as they pertain to the cinematic entanglements among Germany, China, and Korea.
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